Sonntag, 26. Juli 2009

Die Po 2 in Wr. Neustadt

In den letzten Wochen haben sich etliche Passanten über einen Doppedecker mit Sternmotor gewundert, der in geringer Höhe über dem Flugplatz Wr. Neustadt West seine Runden zog. Bei näheren Hinsehen werden sie sich noch mehr gewundert haben, denn das grüne Flugzeug mit blauer Untersicht trug die roten Sterne der UDSSR als Hoheitsabzeichen.
Es ist dies eine Polikarpov Po 2 (U 2), die Podwa, die alte Nähmaschine, der Kuckeruzbomber, die Kukuruznik, die Rollbahnkrähe des großen vaterländischen Krieges, die "Mule" des Koreakrieges, das Flugzeug, das zu den wohl meistgebautesten Typen der Welt zählt. 40.000 Stück wurden gebaut, vom Entwurf 1927 an bis 1965.
Es flog an allen Fronten Rußlands und später im Koreakrieg. In Lizenz wurde sie gebaut in Ungarn, Tschechoslovakei, Polen, Rumänien, Bulgarien, China, Vietnam, verwendet wurde die Maschine als Kurierflugzeug, leichter Aufklärer, leichter Nachtbomber mit Dorsal-0.303-inch MG und 440lbs. Bomben, Stabsmaschine, Rettungsflugzeug, Fallschirmspringer, im Partisaneneinsatz, als Agrarflugzeug, Schulmaschine und Schleppmaschine für Seglerschlepp.
Allzuviele sind nicht übergeblieben, etliche befinden sich in Privatbesitz und sind nun begehrte Oldtimer. Die in Wr. Neustadt befindliche Po 2 (SE-XPP) stammt aus Schweden, wo sie lange ein gepflegtes Dasein führte, bis aus Altersgründen der Besitzer schweren Herzens die Maschine verkaufte. Sie wurde von Oslo nach Österreich überflogen und feierte ein Wiedersehen mit der ehemaligen DDR, wo früher ebenfalls 28 Po 2 geflogen wurden. Auf jeden Flugplatz erregte sie Aufsehen und Erinnerungen - "Wir erinnern uns gut an diese Flugzeuge" - sagte ein älterer Herr zu dem Piloten - "am Wochenende schleppten sie unsere Segler hoch". Ein anderer wollte das Flugzeug sofort kaufen und bot eine höhere Summe an, die mit Bedauern abgelehnt wurde.
Mit dem Flugzeug mitgeliefert wurde ein Reservemotor Shvetsow M-11D, Reifen, Propeller und Zubehörteile. Motorisiert ist die schwedische Po mit eben dem M-11D in der schwächeren Ausführung mit 125 PS. Nun suchten die Besitzer das Motorhandbuch zum M-11D, bekommen haben sie das Handbuch zum M-11 FR-1, die stärkere Variante mit 160 PS und Pressluftstarter, während der M-11D noch mit Hand angerissen wurde. Das M-11 FR-1 Handbuch stammt aus der DDR, wo sämtliche Po 2 mit dem stärkeren Motor ausgerüstet waren. Einige der DDR-Maschinen (6 Stück) stammten noch vom WK II. Beim Verschrotten dieser Flugzeuge wurde mit Erstaunen festgestellt, das die Randbögen der Flügel aus Weidenruten bestanden - eben russisch.
Arch. Heinz Linner bekam bei seiner Tätigkeit in Berlin die russischen Originalpläne der Po 2 geschenkt, dazu noch die Technische Beschreibung und die Reparaturanleitung, alles in deutscher Übersetzung vom Flugsportzentrum Schönhagen. Auf Befragen erklärte er sich bereit, eine weitere Po 2 als Replika zu bauen. Aus Magdeburg wurde ebenfalls nachgefragt, ob Linner noch eine weitere Po bauen würde. Dieses Flugzeug sollte als Traditionsmaschine nach Magdeburg gehen. Die (österreichische) Kennung der Maschine wäre OE - CCP.
Zur technischen Ausführung wäre festzuhalten - die Po ist ein sehr einfach gebautes Flugzeug. Polikarpov hatte die Aufgabe, ein billiges, einfach zu fliegendes Flugzeug zu konstruieren, das in hohen Stückzahlen als Schulmaschine an die rote Luftwaffe geliefert werden sollte. Daß die kleine, aus Holz gebaute Maschine ein derart erweitertes Einsatzgebiet bearbeiten würde, daran dachte damals noch niemand. Alleine an Motoren wurden 120.000 Stück hergestellt, und dies in über 30 Jahren. Von der Produktionsumme von 40.000 Stück entfallen rund 50% auf die Erzeugung in der UDSSR und 50% nach dem WK II in Polen bei PZL.
Derzeit werden auf Bestellung wieder Po´s in Rußland gebaut. Ab Moskau kostet das fertige Flugzeug (mit Motor M-11 FR-1) 65.000.- USD lt. Stand 2005. In Polen, welche ebenfalls auf Bestellung Po´s erzeugen, kostet die Maschine ca. 115.000.- USD. Ein grundüberholter M-11 kostet in Polen ca. 18.000.- USD.
Im Selbstbau, schätzt Arch. Linner, kommt die Maschine (ohne Motor) auf rund 25-30.000.- USD.
Hohe handwerkliche Fähigkeiten sind nicht erforderlich, da der Rumpf der Po aus 30/30mm Kieferholzleisten aufgebaut ist. Der Rumpf selbst besteht aus 2 Teilen, einem Vorderteil und einem Heckteil. Diese Hälften sind mit einfachen Eisenbeschläge verbunden. Der Vorderteil ist mit Sperrholz beplankt, beim Heckteil die Spanten mit Draht ausgekreuzt und mit Leinen bespannt. Die Beschläge sind aus gekanteten und genieteten Eisenblech in einfacher Ausführung hergestellt. Die Streben sind in alter Ausführung aus mit Sperrholz verkleideten Gasrohren, in neuer Ausführung aus Alu-Profilrohren gefertigt. Das Fahrgestell ist mit Gummibänder abgefedert, der Sporn wird mit dem Seitenruder beweglich angesteuert.
Die Flächen sind eine einfache Holzkonstruktion mit Kastenholmen, bespannt mit Leinen, wobei die obere und die untere Fläche baugleich sind. Die Holme sind zwischen den vollen Flächenprofilen kreuzweise mit Draht ausgespannt. Über dem Rumpf ist ein Baldachin verstrebt angeschlagen, der die oberen Flächen trägt. Die Streben sind mit Profildraht kreuzweise verspannt und mit Holzstäbe gegen Verdrehung gesichert. Seiten- und Höhenruder sind eine Holzkonstruktion, die Dämpfungsfläche ist abgestrebt.
Die Flugeigenschaften sind gutmütig, die Höchstgeschwindigkeit nicht rekordverdächtig - rund 150 km/h. Im Großen und Ganzen ein Flugzeug mit der Konstruktionsaufwand einer Maschine des WK I.
Die Po ist ein liebenswürdiges Schönwetterflugzeug mit kriegerischer Vergangenheit, geeignet für flying for fun und für Freude am Erleben eines alten Flugzeugs.

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